VEM-Freiwillige   2017/2018   2016   2015   2014   2013   2012   2011   2010   2009 

Ann-Christin | Annika | Benjamin | Carina | Charlotte | Christine | Ilva | Jan | Jonas M | Jonas P | Lina | Moritz | Nadine | Robert | Svenja | Till | Vincent

Menu:

Archiv

Blog durchsuchen:

The game (and me)

Autor: JonasMoeller | Datum: 15 Juni 2012, 11:32 | 0 Kommentare

Freitag, 15 Juni

 

 

 Ich bin sehr fotogen. Das merkt nur keiner. Nun, fast keiner. Ein Kameramann im Baba Yara Sports Stadium hat es bemerkt, mich gefilmt und seitdem kriege ich häufig zu hören: „Ey, ich hab dich im Fernsehen gesehen. Ghana gegen Lesotho. WM Qualifikation!“ Nun bin ich also berühmt und das Endergebnis von 7:0 für Ghana rückt dabei völlig in den Hintergrund. Viel gndert hat sich aber nicht, statt „Javo“ kriege ich jetzt „Du warst im Fernsehen“ zu hören. Wobei mir ersteres fast lieber ist, denn zweiteres suggeriert, dass ich totaler Fußballfan sei und selber spielen würde.

 Weder das eine noch das andere trifft zu.

 

 Dabei kann es nur von Vorteil sein in Ghana Fußballfan zu sein, denn Fußball ist einfach überall.

 Die Begeisterung für Fussball fängt sehr früh an, nämlich sobald die Kinder laufen lernen. Ab dem Zeitpunkt können sie einem Ball hinterher jagen. Ist kein Ball da werden Plastiktüten zu einer Kugel geschnürt und dann muss das als Ball herhalten.

 Auch die Schule hält nicht davon ab in den Pausen und am Nachmittag zu kicken, auch wenn danach die Schuluniformen gänzlich durchgeschwitzt sind. Die meisten Schulen haben Tore die, wenn Eisen zu teuer ist, aus Bambusstangen gebaut sind, aber auch das ist nicht notwendig. Ist kein Tor vorhanden dienen zwei Backsteine, schrittweit voneinander entfernt, als Ziel und gibt es keine vier Backsteine wird eben nur einer aufgestellt der dann umgeschossen werden muss. Tore kann man aus allen möglichen Materialien bauen weshalb man da flexibel ist. Dementsprechend flexibel ist man auch beim Spielfeld. Im Optimalfall ist das ein staubiger Platz dessen zarter Grasbewuchs konsequent kaputt getreten wird. In der Mehrzahl der Fälle wird aber einfach dort gespielt, wo Platz ist. Das Spielfeld kann dann auch gern Schräglage aufweisen oder durch sonstige Hindernisse gespickt sein, trainiert ja schließlich alles die Spieltechnik.

 So haben sich feste Gruppen gebildet die sich an bestimmten Tagen immer zur gleichen Uhrzeit treffen um Fussball zu spielen. Quasi Vereine mit festen Trainingszeiten, aber nicht betrieben durch Mitgliederzahl und –beiträge sondern allein durch den Spass am Spiel. Treffen sich diese „Vereine“ dann zum spielen ist es schön zu betrachten mit welcher Hingabe gespielt wird. Nebensächlich wie lang der Tag war, es werden immer Hundert Prozent gegeben, Siege werden überschwänglich gefeiert und es wird unter aller Umständen  Fußball gespielt. Selbst wenn es regnet, und das will echt was heißen.

 Deshalb ist auch der Kauf der ersten eigenen Fußballschuhe fast ein unausweichlicher Schritt im Leben der meisten Jugendlichen auch wenn dafür dann an anderer Stelle etwas gespart werden muss.

 

 Aber Fussball erschöpft sich nicht nur im spielen. Auch die Anhängerschaft dieser oder jener Mannschaft ist ein wichtiger Teil der ghanaischen Fußballkultur. Absolute Spitzenreiter sind die Topmannschaften der englischen Premierleague, allen voran der FC Chelsea, die auch den beliebtesten Spieler beherbergt. Didier Drogba mit der Nummer 11. Der zweitbeliebteste Spieler ist wohl Barcelonas 10, Lionel Messi. Wenn ich ein Fußballtrikot sehe, ist es ein Trikot von einem dieser Spieler. Und an fast jedem Taxi klebt ein Aufkleber einer dieser beiden Vereine. Der FC Chelsea und der FC Barcelona haben auch immer die meisten Zuschauer beim Fußball gucken.

 Fußball wird nur im PayTV ausgestrahlt und da nicht alle einen eigenen Fernseher, geschweige denn PayTV haben, haben findige Geschäftsleute Fußballkneipen eröffnet in denen man für einen Cedi jedes Topspiel anschauen kann. Englische, deutsche, spanische, italienische und französische Liga, Champions League und EM. Das macht meist mehr Spaß als das Spiel allein zu sehen es sei denn, ich schaue mir als einziger Deutscher das Champions League Finale an und Bayern verliert. Aber den Hohn und den Spott muss ich dann wohl tapfer ertragen.

 

 Und in all dieser Fußballbegeisterung stehe ich nun und falle, solange ich nicht spiele, garnicht so sehr auf. Nun hat die Mawuli School eine Partnerschule in Akosombo die ihr fünfzigstes Jubiläum feiert. Die Mawuli School ist eingeladen und es soll auch ein Fußballmatch zwischen den Lehrern geben. Es geht also um den Ruhm meiner Schule. Nun hatte irgendein Sportlehrer die Schnapsidee ich solle doch dabei helfen diesen Ruhm heimzutragen. Wer ins Stadion geht spielt ja auch selbst...

 Also trainiert die Schulmannschaft jeden Nachmittag und ich bin dabei. Und verzweifle. Ich laufe konditionell schon beim Aufwärmen auf den letzten Plätzen und spätestens beim spielen dann bin ich vollends deprimiert. Während alle um mich herum Ballvirtuosen sind deren Spiel einfach nur eine Augenweide ist, werde ich zum behuften Rindvieh sobald der Ball in meine Nähe kommt. Ich tröste mich damit, dass sie ja schon ihr ganzes Leben spielen, aber wenn dann ein Lehrer kommt der zwanzig Jahre älter ist als ich, dazu einen Wohlstandsbauch vor sich herschiebt und dann immer noch besser ist als ich, dann möchte ich einfach nur weinen. Schulruhm hin oder her.

 Das Spiel ist in zwei Wochen, am 23. Juni. Bis dahin ist noch Zeit und wer weiß, vielleicht geschieht bis dahin noch ein Wunder und ich stehe nicht komplett unnütz auf dem Platz. Ich halte euch auf dem Laufenden.

 

 Sollte das Wunder nicht eintreten, werde ich weiter einfach nur Fußball gucken. Schließlich ist ja gerade EM. Und die macht echt Spaß. Erstens kann ich mich über Ronaldo lustig machen (hallo, wer macht sich denn in der Halbzeit eine neue Frisur?!) und zweitens fühle ich mich bei den Namen Badstuber, Müller oder Kroos richtig heimisch.

 

 

Jonas

 

 

PS: ich würde gern auch einige Bilder zeigen, aber mir wurde die Kamera vorm Stadion in Kumasi geklaut. Ich nehme an der Taschendieb war wohl neidisch auf meine neue Prominenz.

«Neuerer Eintrag | Älterer Eintrag»

 

 

Kommentare bei alten Blogs deaktiviert.